Treibhausgasemissionen bei Baustoffen: Die richtige Auswahl für nachhaltige Sanierungsprojekte
Jan, 8 2026
Wenn du dein Haus sanierst, denkst du wahrscheinlich zuerst an neue Fenster, bessere Dämmung oder eine moderne Heizung. Aber was ist mit den Materialien, aus denen das alles wird? Die Treibhausgasemissionen bei Baustoffen sind ein riesiger, oft übersehener Teil des Klimaproblems - und sie werden jetzt zum entscheidenden Faktor bei jeder Sanierung, die staatlich gefördert wird.
Warum die grauen Emissionen plötzlich zählen
| Quelle | Anteil grauer Emissionen | Bemerkung |
|---|---|---|
| GebäudeForum (2021) | 10-25% | Anteil der Emissionen aus Materialherstellung bei Sanierungen |
| DGNB-Studie (2021) | 35% | Anteil der gesamten Lebenszyklus-Emissionen (Bau, Nutzung, Rückbau) |
| Umweltbundesamt | 40% | Gesamtanteil der CO₂-Emissionen Deutschlands durch Bauen und Wohnen |
Früher ging es bei Sanierungen vor allem um Energieeinsparung - also um die Betriebsphase: Wie viel Heizenergie verbraucht das Haus nach der Sanierung? Heute ist das nur noch die eine Hälfte der Gleichung. Die andere Hälfte sind die grauen Emissionen: die CO₂-Äquivalente, die entstehen, wenn du Zement herstellst, Holz transportierst oder Dämmplatten aus Kunststoff produzierst. Bei Neubauten sind diese Emissionen schon seit Jahren ein Thema. Bei Sanierungen kamen sie erst 2023 richtig ins Spiel - und zwar mit voller Wucht.
Seit April 2022 muss jede Sanierung, die KfW-Förderung bekommen will, mindestens die Kategorie „EH-40 mit Nachhaltigkeits-Klasse“ erreichen. Das bedeutet: Du kannst nicht einfach den billigsten Dämmstoff nehmen, weil er gut isoliert. Du musst auch wissen, wie viel CO₂ er in seiner Herstellung verursacht. Und das wird ab 2024 Pflicht: Bei Sanierungen mit Förderung über 500.000 Euro musst du digitale Nachweise für die Emissionen aller verwendeten Baustoffe vorlegen. Ab 2027 soll das für alle geförderten Projekte gelten.
Welche Baustoffe sind die schlimmsten?
Einige Materialien sind wahre Klimakiller - und sie sind immer noch überall zu finden. Der größte Verursacher ist Zement. Laut WWF verursacht der Zementsektor allein 2 Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen. Das ist mehr als der gesamte deutsche Flugverkehr. Jeder Quadratmeter Betonwand, jede neue Stahlträgerkonstruktion, jeder Betonboden - das hat einen Preis: zwischen 150 und 300 kg CO₂-Äquivalent pro Quadratmeter.
Dann kommen die Dämmstoffe. Polyurethan-Schaum (PUR) und Extrudiertes Polystyrol (XPS) sind beliebt, weil sie dünn und gut isolieren. Aber sie werden aus Erdöl hergestellt, und ihre Produktion setzt klimaschädliche Gase frei - oft mehr als 10 kg CO₂-Äquivalent pro Quadratmeter Dämmung. Das ist doppelt so viel wie bei Holzfaserdämmung oder Hanf.
Und Fenster? Ja, auch die. Ein Standard-Isolierglas mit Alu-Rahmen hat eine deutlich höhere graue Emission als ein Holz-Fenster mit Dreifachverglasung und thermisch getrenntem Kunststoffrahmen. Warum? Weil die Metallverarbeitung und die Kunststoffproduktion energieintensiv sind. Ein neues Fenster mag zwar 20 Jahre lang Energie sparen - aber wenn es 150 kg CO₂ in seiner Herstellung verbraucht, hat es einen hohen Startschwierigkeitsgrad.
Was funktioniert besser? Die nachhaltigen Alternativen
Es gibt Lösungen - und sie sind nicht nur klimafreundlich, sondern auch immer verfügbarer. In Freiburg, München und Dresden wurden in den letzten zwei Jahren Sanierungsprojekte durchgeführt, die zeigen: Es geht.
- Holz als Baustoff: Holz speichert CO₂. Ein Quadratmeter Holzdecke oder Holzwand bindet bis zu 100 kg CO₂ - und produziert bei der Herstellung nur 10-20 kg CO₂-Äquivalent. Das ist zehnmal weniger als Beton. Holzrahmen, Holzverbundplatten und Brettsperrholz sind heute stabil genug für mehrstöckige Sanierungen.
- Recycelter Beton: Wenn du alte Betonwände abbrichst, kannst du das Material aufbereiten und als Grundlage für neue Fundamente oder Bodenplatten nutzen. Recycelter Beton hat 40-60 Prozent weniger graue Emissionen als Neubeton.
- Natürliche Dämmstoffe: Holzfaser, Hanf, Flachs, Schafwolle und Zellulose haben Emissionswerte zwischen 1 und 5 kg CO₂-Äquivalent pro Quadratmeter. Sie sind nicht nur klimafreundlich, sondern auch atemaktiv - das reduziert Schimmelrisiken.
- Lehmputz und Lehmwände: Lehm ist ein uralter Baustoff, der heute wieder modern ist. Er speichert Feuchtigkeit, reguliert das Raumklima und hat praktisch keine grauen Emissionen - nur 1-2 kg CO₂-Äquivalent pro Quadratmeter.
Ein Projekt des ift Rosenheim aus dem Sommer 2022 hat 15 Sanierungen in Bayern analysiert. Ergebnis: Wer auf nachwachsende Rohstoffe setzt, reduziert die grauen Emissionen im Durchschnitt um 28 Prozent. Und das, obwohl diese Materialien oft etwas teurer sind - durchschnittlich 15 bis 20 Prozent mehr als konventionelle Lösungen.
Die drei wichtigsten Baustellen bei der Materialauswahl
Nicht alle Bauteile sind gleich wichtig. In einer Sanierung konzentrieren sich 70 Prozent der grauen Emissionen auf drei Komponenten:
- Dämmstoffe: Wähle natürliche Dämmung. Vermeide XPS und PUR. Holzfaser, Hanf und Zellulose sind die klaren Gewinner.
- Fenster: Holz mit Dreifachverglasung und thermisch getrenntem Kunststoffrahmen ist die beste Wahl. Alu-Rahmen sind tabu, wenn du KfW-Förderung willst.
- Tragende Konstruktion: Kannst du Holz statt Stahl oder Beton verwenden? Oder kannst du recycelten Beton einsetzen? Das ist der größte Hebel - und oft der schwierigste, weil es Planungsaufwand erfordert.
Ein wichtiger Tipp: Wenn du die Materialauswahl erst nach dem Planungsbeginn änderst, kannst du die Emissionen nur um durchschnittlich 6 Prozent senken. Wenn du sie von Anfang an einplanst - also in der Ausschreibung und bei der Vergabe - sinken sie um 18 Prozent. Das ist der Unterschied zwischen einer guten und einer wirklich guten Sanierung.
Wie du dich auf die neuen Regeln vorbereitest
Die Regeln ändern sich schnell. Aber du musst nicht allein durch den Dschungel der Zertifikate und Datenblätter gehen. Hier ist, was du wirklich brauchst:
- Produktpass-Daten: Jeder Baustoff sollte einen EPD (Environmental Product Declaration) haben - eine Art Umwelt-Checkliste, die die Emissionen pro Kubikmeter oder Quadratmeter auflistet. Frag danach. Wenn der Händler keine hat, ist das ein Warnsignal.
- Regionale Materialien: Transport ist ein großer Emissionsfaktor. Holz aus dem Erzgebirge hat weniger CO₂ als Holz aus Skandinavien, das mit dem Schiff nach Deutschland kommt. Suche nach Lieferanten aus deiner Region.
- Planer mit Expertise: Nicht jeder Architekt oder Bauingenieur kennt die neuen Anforderungen. Die DGNB-geprüften Nachhaltigkeitsberater*innen sind die einzigen, die wirklich wissen, wie man Emissionsdaten liest und in die Planung einbaut. Ihre Hilfe lohnt sich - besonders wenn du Fördergelder willst.
Die Lernkurve ist real: Laut ift Rosenheim brauchen Planer*innen 3-4 Monate, um die neuen Anforderungen sicher zu beherrschen. Das heißt: Wenn du jetzt anfängst, musst du mit einer längeren Planungsphase rechnen - um 2 bis 3 Wochen. Aber das ist kein Nachteil. Es ist eine Investition in eine Sanierung, die nicht nur warm, sondern auch klimafreundlich ist.
Was kommt als Nächstes?
Ab 2025 wird es gesetzlich Pflicht: Jede Sanierung muss einen Grenzwert für die grauen Emissionen einhalten - gemessen in kg CO₂-Äquivalent pro Quadratmeter Nutzfläche. Derzeit liegt der Durchschnittswert bei 15 kg/m²*a. Die besten Projekte kommen unter 6,5 kg/m²*a. Das ist kein Traum - das ist Realität in Freiburg, Hamburg und jetzt auch in Dresden.
Die Bundesregierung rechnet damit, dass die Berücksichtigung von grauen Emissionen in Sanierungen bis 2030 jährlich 12-15 Millionen Tonnen CO₂ einsparen wird. Das ist fast ein Drittel der gesamten Emissionen aus Baustoffen in Deutschland. Wenn du jetzt umdenkst, bist du nicht nur umweltbewusst - du bist auch zukunftssicher. Denn die Fördergelder werden künftig nur noch für solche Projekte fließen, die diese Kriterien erfüllen.
Sanieren ist nicht mehr nur, ein altes Haus aufzufrischen. Sanieren ist heute eine Entscheidung für die Zukunft - und die richtigen Materialien sind dein wichtigstes Werkzeug.
Sonja Schöne
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